Nicht jede Flachzange kann Werkzeug sein

Nicht jede Flachzange kann Werkzeug sein Artwork

Song Detail

Nicht jede Flachzange kann Werkzeug sein

Eine trocken-humorvolle Werkzeugkasten-Ode von RythmChecker zwischen akustischem Alternative-Singer-Songwriter-Sound, feiner Ironie und der Frage, warum manche Dinge nur so aussehen, als wären sie nützlich.

Nicht jede Flachzange kann Werkzeug sein Artwork

Atmosphere

Mit akustischem Charme, entspanntem Groove und präziser Ironie erzählt Nicht jede Flachzange kann Werkzeug sein von Werkzeugen mit klarer Aufgabe und jenen glänzenden Kandidaten, die vor allem durch ihren Auftritt beeindrucken. Der Song bleibt leichtfüßig, beobachtend und trocken genug, um aus einer Werkbank-Szene eine kleine Philosophie über Schein, Funktion und übertriebene Selbstsicherheit zu machen.

Lyrics

Auf der Werkbank
Unter dem Licht
Liegt manches Werkzeug
Und manches nicht

Da liegt der Hammer
Schwer und klar
Der weiß seit Jahren
Wozu er da war

Der Schlüssel dreht
Die Säge trennt
Der Hobel tut
Was jeder kennt

Nur hinten links
Im alten Schrank
Liegt etwas flach
Und glänzt noch blank

Zwei Backen
Ein Gelenk
Ein Griff

Sieht richtig aus
Auf den ersten Blick

Oh, Flachzange
Greif doch zu

Die Mutter wartet
Die Schraube auch

Du rutschst nur ab
Du fasst nicht rein

Nicht jede Flachzange
Kann Werkzeug sein

Man ölt das Gelenk
Man prüft den Schliff

Man drückt etwas fester
Und ändert den Griff

Man dreht sie nach links
Man dreht sie nach rechts

Das Ergebnis bleibt
Erstaunlich schlecht

Sie klemmt am Blech
Sie kratzt am Lack

Und legt man sie weg
Will man sie fast zurück

Denn irgendwie sieht sie
So wichtig aus

Im großen, schweren
Werkzeughaus

Oh, Flachzange
Greif doch zu

Ein Draht liegt da
Was machst denn du

Viel Hebelweg
Doch wenig rein

Nicht jede Flachzange
Kann Werkzeug sein

Der Zollstock misst
Der Bohrer bohrt

Die Feile bleibt
An ihrem Ort

Der Seitenschneider
Trennt exakt

Der Schraubstock hält
Was man ihm packt

Nur manches Stück
Im Sortiment

Hat einen Namen
Den jeder kennt

Doch zwischen Namen
Stahl und Schein

Kann manchmal ziemlich
Viel Luft noch sein

Chrom kann glänzen
Stahl kann blenden

Ein langer Griff
Kann Kraft verschwenden

Ein schönes Etui
Macht Eindruck allein

Doch nicht jede Flachzange
Kann Werkzeug sein

Oh, Flachzange
Greif doch zu

Die Werkbank wartet
Schon lang auf dich

Du öffnest weit
Doch hältst nichts klein

Nicht jede Flachzange
Kann Werkzeug sein

Oh, Flachzange
Glänzend und fein

Mit großem Hebel
Und wenig dahinter

Vielleicht wär im Kasten
Mehr Platz ohne dich

Doch das entscheidet
Der Werkzeugmacher nicht

Auf der Werkbank
Unter dem Licht

Liegt manches Werkzeug
Und manches nicht

Story

Ich hatte schon immer eine gewisse Sympathie für Werkzeuge.

Nicht unbedingt, weil ich mit jedem davon besonders geschickt umgehen könnte. Aber ich mag diese wunderbare Selbstverständlichkeit, mit der Werkzeuge existieren. Ein Hammer muss sich nicht erklären. Ein Schraubendreher hält keine langen Vorträge über seine Absichten. Und eine Zange verspricht niemandem eine bessere Zukunft für Schrauben, Muttern und Bolzen.

Sie hat einfach eine Aufgabe.

Und wenn sie funktioniert, dann funktioniert sie.

Irgendwann habe ich mich gefragt, warum das außerhalb meines Werkzeugkastens eigentlich so viel komplizierter geworden ist.

Wir scheinen inzwischen eine erstaunliche Begabung dafür entwickelt zu haben, Dinge bedeutend aussehen zu lassen. Alles wird sorgfältig präsentiert, auf Hochglanz poliert und mit beeindruckenden Beschreibungen versehen. Es gibt ausgeklügelte Verfahren, komplizierte Mechanismen, immer neue Einstellungen und unzählige Möglichkeiten zur Optimierung.

Und trotzdem bleibt manchmal die einfachste Mutter unangetastet auf der Werkbank liegen.

Aus diesem kleinen Widerspruch entstand schließlich mein Song „Nicht jede Flachzange kann Werkzeug sein“.

Schon das Wort Flachzange gefällt mir ausgesprochen gut. Es bezeichnet zunächst einmal ein völlig unschuldiges, durchaus nützliches Handwerkzeug. Gleichzeitig ist es im Deutschen eine wunderbar bildhafte Bezeichnung für jemanden, dessen Fähigkeiten nicht ganz mit seinem Auftreten Schritt halten.

Diese Doppeldeutigkeit fand ich von Anfang an reizvoll.

Aber ich wollte keinen Song schreiben, der mit dem Finger auf bestimmte Menschen zeigt. Keine Namen, keine Berufsgruppen, keine Institutionen. Stattdessen beschloss ich, konsequent in der Welt der Werkzeuge zu bleiben.

Denn eigentlich ist ein Werkzeugkasten ein faszinierendes kleines Universum.

Da liegen Hammer, Säge, Hobel, Schraubendreher und Zangen nebeneinander. Jedes Werkzeug hat seine Aufgabe, seine Stärken und seine Grenzen. Manche sind schön, manche hässlich, manche teuer, und andere liegen seit Jahrzehnten in derselben staubigen Schublade.

Und dann gibt es diese merkwürdigen Exemplare, die unglaublich beeindruckend aussehen, aber irgendwie nie besonders viel zustande bringen.

Sie haben glänzende Oberflächen, lange Hebel, sorgfältig konstruierte Gelenke und vielleicht sogar ein besonders elegantes Etui. Man kann sie ölen, polieren, nach links drehen, nach rechts drehen und aus jedem denkbaren Winkel betrachten.

Das Ergebnis bleibt trotzdem erstaunlich schlecht.

Was mich daran fasziniert, ist gar nicht unbedingt das Scheitern selbst.

Scheitern gehört zum Leben. Ich habe selbst genügend Dinge ausprobiert, die nicht funktioniert haben. Manchmal lag es am falschen Werkzeug, manchmal an der falschen Vorgehensweise und gelegentlich wohl auch an demjenigen, der das Werkzeug in der Hand hielt.

Nein, was mich wirklich beschäftigt, ist das merkwürdige Verhältnis zwischen äußerem Eindruck und tatsächlichem Nutzen.

Ein altes, zerkratztes Werkzeug mit Rostflecken und einem abgegriffenen Griff kann unendlich wertvoller sein als ein makellos glänzendes Exemplar aus einer luxuriösen Verpackung.

Das alte Werkzeug muss niemanden von seiner Bedeutung überzeugen. Sein Wert zeigt sich genau in dem Moment, in dem man es braucht.

Das schöne, aber unbrauchbare Werkzeug dagegen scheint manchmal allein von seinem Erscheinungsbild zu leben.

Und vielleicht beginnt genau an dieser Stelle die Geschichte, über den Werkzeugkasten hinauszugehen.

Ich habe gelegentlich den Eindruck, dass wir uns daran gewöhnt haben, die Darstellung von Kompetenz stärker zu bewundern als die Kompetenz selbst.

Wir lassen uns von glänzenden Oberflächen beeindrucken, von eleganten Konstruktionen, komplizierten Mechanismen und selbstbewusstem Auftreten. Wir bestaunen, wie überzeugend etwas präsentiert wird, auch wenn der einfachste Praxistest ein ziemlich ernüchterndes Ergebnis liefert.

Das ist schon ein eigenartiges Phänomen. Man stelle sich vor, man öffnet seinen Werkzeugkasten und stellt fest, dass das imposanteste Werkzeug darin gleichzeitig das unbrauchbarste ist.

Und statt es zu hinterfragen, räumt man ihm noch mehr Platz ein, poliert es häufiger und stattet es mit immer schönerem Zubehör aus.

Einfach, weil es so überzeugend aussieht.

Irgendwann müsste man sich doch fragen, ob man den eigentlichen Zweck eines Werkzeugkastens nicht ein wenig aus den Augen verloren hat.

Genau diese Frage steckt für mich im Kern des Songs.

Eine Textstelle mag ich besonders:

Man dreht sie nach links
Man dreht sie nach rechts
Das Ergebnis bleibt
Erstaunlich schlecht

In diesen vier Zeilen steckt für mich beinahe eine kleine Lebensphilosophie.

Bewegung ist noch lange kein Fortschritt. Kompliziertheit ist nicht automatisch ein Zeichen von Intelligenz. Und selbst ein beeindruckender Aufwand führt nicht zwangsläufig zu einem brauchbaren Ergebnis.

Manchmal braucht es einfach nur das richtige Werkzeug, das seine Aufgabe versteht.

Für das Musikvideo habe ich mir deshalb eine etwas absurde Welt ausgedacht.

Einen exklusiven englischen Gentlemen's Club, irgendwo in einer längst vergangenen Zeit. Dunkle Holzvertäfelungen, schwere Ledersessel, kostbare Teppiche, Kronleuchter und ein langer, glänzend polierter Tisch.

Um diesen Tisch sitzen sechs ausgesprochen vornehme Flachzangen.

Sie tragen maßgeschneiderte Dreiteiler, Seidenkrawatten und blank geputzte Schuhe. Ihre metallischen Köpfe glänzen im warmen Licht. Alles an ihnen strahlt Würde, Bedeutung und unerschütterliches Selbstvertrauen aus.

Dann wird eine kleine Mutter auf einem silbernen Tablett serviert.

Eine geradezu lächerlich einfache Aufgabe.

Und plötzlich wird all diese Eleganz ziemlich bedeutungslos.

Die erste Flachzange versucht, die Mutter zu greifen. Sie rutscht ab. Die zweite versucht es ebenfalls. Wieder nichts.

Man untersucht die Mutter, betrachtet sie durch eine Lupe, verändert die Position und versucht es gemeinsam.

Natürlich ohne Erfolg.

Das Bemerkenswerte daran ist, dass die vornehmen Flachzangen zu keinem Zeitpunkt ihre Würde verlieren. Sie verhalten sich weiterhin so, als sei ihr Scheitern Teil eines außerordentlich anspruchsvollen und wohlüberlegten Verfahrens.

Und genau darin liegt für mich die eigentliche Pointe.

Es braucht gar keine weitere Figur, die plötzlich auftaucht und zeigt, wie es richtig geht. Es genügt, diesen sechs glänzenden Flachzangen dabei zuzusehen, wie sie mit großem Ernst an einer winzigen Aufgabe scheitern.

Die Mutter bleibt liegen.

Die Anzüge sitzen perfekt.

Die Zangen glänzen.

Nur das Ergebnis fehlt.

Vielleicht ist das sogar die treffendere Form der Satire. Denn manchmal kommt eben niemand durch die Tür, der das Problem kurzerhand löst. Manchmal bleibt alles so, wie es ist. Der Aufwand geht weiter, die äußere Form bleibt gewahrt, und die eigentliche Aufgabe gerät beinahe zur Nebensache.

Ich mag diesen Schluss, weil er dem Zuschauer die Deutung überlässt.

Und weil er ziemlich genau die Stimmung trifft, die ich auch mit dem Song erzeugen wollte.

Ich wollte kein wütendes Protestlied schreiben. Davon gibt es bereits genug. Wut hat außerdem die unangenehme Eigenschaft, dem Zuhörer sehr genau vorzuschreiben, was er zu denken hat.

Mir gefiel die Vorstellung eines viel ruhigeren, beinahe freundlichen Songs. Ein bisschen melancholisch, mit einem trockenen Augenzwinkern und einer Geschichte, die zunächst völlig harmlos erscheint.

Ein Lied über einen Werkzeugkasten eben.

Die Ironie soll sich erst nach und nach entfalten.

Deshalb passt für mich auch der Singer-Songwriter-Ansatz mit akustischer Gitarre, warmem Bass, zurückhaltendem Schlagzeug und einer eher beiläufig erzählenden Stimme so gut dazu.

Keine musikalische Empörung. Kein erhobener Zeigefinger.

Nur eine kleine Beobachtung, die mit jeder Strophe etwas mehr Bedeutung bekommt.

Und unter dem Humor liegt für mich durchaus auch eine gewisse Melancholie.

Denn ich glaube, viele von uns kennen diese Momente, in denen man sich wünscht, die Dinge wären einfach ein bisschen unkomplizierter. Momente, in denen Können wichtiger sein sollte als Auftreten. In denen Ergebnisse mehr zählen sollten als Ankündigungen. Und in denen diejenigen, die tatsächlich etwas zustande bringen, wenigstens einen Bruchteil der Aufmerksamkeit erhalten, die anderen allein für ihren glänzenden Auftritt entgegengebracht wird.

Ich jedenfalls kenne solche Momente.

Allerdings glaube ich auch nicht, dass man jedes Werkzeug, das einmal versagt, sofort wegwerfen sollte.

Vielleicht wird es einfach falsch eingesetzt. Vielleicht braucht es etwas Pflege. Vielleicht ist es beschädigt. Vielleicht erwartet man von ihm Dinge, für die es nie konstruiert wurde.

Das alles sind durchaus vernünftige Erklärungen.

Aber irgendwann kommt eben der Punkt, an dem man aufhören muss, die Griffe zu polieren, und sich ansehen sollte, was zwischen den Zangenbacken tatsächlich passiert.

Greift sie?

Hält sie?

Erledigt sie die Aufgabe, für die sie da ist?

Eigentlich sind das beinahe peinlich einfache Fragen.

Vielleicht gerade deshalb lohnt es sich, sie gelegentlich zu stellen.

Am Ende ist „Nicht jede Flachzange kann Werkzeug sein“ für mich kein Lied über einzelne schlechte Werkzeuge.

Es geht um den Unterschied zwischen dem Anschein von Nützlichkeit und tatsächlicher Nützlichkeit.

Um die stille Würde der Dinge, die funktionieren.

Um die Absurdität, mit der manchmal Mechanismen bewundert werden, die offensichtlich nicht richtig ineinandergreifen.

Und vielleicht auch um meine zunehmende Sympathie für all die alten, zerkratzten, unscheinbaren Werkzeuge, die seit Jahren einfach ihre Arbeit machen, ohne dafür besondere Aufmerksamkeit zu verlangen.

Ich glaube, irgendwo in diesem staubigen Werkzeugkasten steckt tatsächlich eine kleine Erkenntnis.

Eine glänzende Oberfläche kann beeindrucken.

Ein langer Hebel kann gewaltige Kraft versprechen.

Ein komplizierter Mechanismus kann wie ein Meisterwerk der Ingenieurskunst aussehen.

Aber all das ist ziemlich bedeutungslos, wenn die Backen immer wieder abrutschen.

Und deshalb komme ich am Ende immer wieder auf diese eine Zeile zurück:

Nicht jede Flachzange kann Werkzeug sein.

Manchmal braucht gute Satire keinen erhobenen Zeigefinger.

Manchmal reicht ein Werkzeugkasten.